Warum ſich Juden taufen laſſen?
Anni und Grete ſind zwei begeiſterte BDM.⸗Mädels. Jeden Mittwoch und Freitag haben ſie „Dienſt“. Das ſind für ſie die ſchönſten Tage der ganzen Woche. Aber heute iſt der Dienſt ausgefallen. Die Führerin iſt nämlich krank. Anni ärgert ſich.
„Was wollen wir heute nachmittag tun?“ fragt ſie die Grete.
„Ich weiß auch nicht!“ ſagt die andere.
Und dann gehen die beiden, ohne mehr ein Wort zu ſprechen, langſam in die Stadt hinein. Der ganze Tag iſt ihnen verdorben.
Als ſie an der Erlöſerkirche vorbeikommen, bleibt Grete plötzlich ſtehen.
„Du, Anni, ſchau mal da hinüber! Da läuft doch der Kaufhausjude Veilchenblau mit ſeiner Rebekka. Was wollen denn die hier?“
Anni lächelt. „Das weiß ich, Grete! Die ſollen heute getauft werden.“
„Ach, du lieber Gott!“ ruft Grete, „das ſind ſchon ſonderbare Täuflinge! Schau nur mal den Juden an! Krumme Beine, Plattfüße! Dieſe Naſe, dieſen Mund, dieſe Ohren, dieſe Haare! Und der will ſich taufen laſſen?“
„Die Jüdin ſieht auch nicht beſſer aus“, ergänzt Anni, „ſie watſchelt daher wie eine Ente! Und ihr Geſicht, ich glaube, das hat ſie dem Teufel geſtohlen!“
Während ſich die beiden Mädchen unterhalten, ſind die Juden durch die hohe Türe in die Kirche eingetreten.
„Du, jetzt weiß ich, was wir tun!“ ruft Anni, „wir warten hier! Wir wollen ſehen, ob durch die Taufe aus dem Veilchenblau ein Nichtjude und aus ſeiner Rebekka eine Nichtjüdin wird!“ „Fein!“ ruft Grete, „wir werden alſo warten!“
Und die beiden ſtellen ſich vor die Kirchentüre.
Die Uhr kündet die dritte Nachmittagsſtunde an. In dieſem Augenblick geht die Kirchen⸗ türe auf. Veilchenblau und ſeine Gattin kommen heraus. Sie verabſchieden ſich von dem Pfarrer. Dann ſteigen ſie langſam die Treppe hinunter.
„Merkſt du was, daß aus den Juden Nichtjuden geworden ſind?“ fragt Anni.
„Nicht das geringſte!“ flüſtert Grete, „ſie haben noch die gleichen Naſen und Ohren, die gleichen Beine, die gleichen Lippen, die gleichen Negerhaare! Und ſie watſcheln noch genau ſo daher wie früher!“