Veilchenblau ſcheint von dem Geſpräch der Mädchen etwas gehört zu haben. Er bleibt plötzlich ſtehen, grinſt die Kinder unverſchämt an und — ſpuckt vor ihnen aus. Dann geht er mit ſeiner Rebekka langſam weiter.
Die Kinder blicken ſich betroffen an.
„So eine Gemeinheit! Und der will nun kein Jude mehr ſein!“ ſagt Anni.
Und Grete ruft: „Die Taufe hat aus ihm keinen Nichtjuden gemacht. Und auch die Rebekka iſt eine Jüdin geblieben.“ —
Dann begeben ſich die beiden Mädchen auf den Heimweg. Aber ihre Gedanken ſind immer noch bei der Judentaufe.
„Weißt du noch“, ſagt Anni, „daß unſere Mädelſchaftsführerin einmal geſagt hat: ‚Ge⸗ nau ſowenig wie man durch die Taufe einen Neger zu einem Deutſchen machen kann, kann man aus einem Juden einen Nichtjuden machen!“
Grete ſtampft zornig mit dem Fuß auf den Boden.
„Ich verſtehe die Geiſtlichen nicht, die heute noch Juden taufen. Sie nehmen ja lauter Verbrechergeſindel in die Kirchen auf!“
„Da haſt du recht!“ ſagt Grete, „die Juden bleiben trotz der Taufe die gleichen Gauner, die ſie früher geweſen waren. Das hat ſchon Martinus Luther geſagt. Auch Päpſte haben das geſagt. Und Julius Streicher auch!“
Anni iſt ſtehengeblieben. Und dann ſpricht ſie ernſt und bedeutungsvoll:
„Ich glaube, es wird einmal eine Zeit kommen, da werden die Chriſten jenen Pfarrern fluchen, die einſt Juden in die chriſtlichen Kirchen aufgenommen haben. Denn die Ju⸗ den wollen ja nur die chriſtlichen Kirchen vernichten. Und ſie werden ſie vernichten, wenn unſere Geiſtlichen auch weiterhin Juden in die Kirchen aufnehmen. Sagt doch ein Spruch:
Kommt mal ein Jude hergelaufen Und will, daß ihn die Pfarrer taufen, Dann trau ihm nicht und halte ein, Ein Jud' wird immer Jude ſein!
Da hilft auch nicht das Taufgewäſſer, Auch dadurch wird der Jud' nicht beſſer!
Er iſt ein Teufel in der Zeit
Und bleibt's bis in die Ewigkeit!“