Wie es Inge bei einem Judenarzt erging

Inge iſt krank. Schon ſeit mehreren Tagen hat ſie leichtes Fieber und Kopfweh. Inge wollte nicht zum Arzt gehen. „Ach, wegen ſo einer Kleinigkeit zum Doktor rennen?“ ſo ſagte ſie immer wieder, wenn die Mutter mahnte und warnte. Eines Tages aber wurde Mutter unwillig. „Marſch! Du gehſt jetzt hinüber zum Doktor Bernſtein und läßt dich unterſuchen!“ So befahl die Mutter.

„Warum denn zum Doktor Bernſtein? Der iſt doch ein Jude! Und zu einem Juden geht kein deutſches Mädchen“, antwortete Inge.

Die Mutter lachte. ö 1

„Ach red' doch keinen Unſinn! Die Judenärzte ſind ſchon recht. Aber ihr in euerem BDM. ſchwätzt lauter einfältiges Zeug daher! Was verſteht ihr Mädchen ſchon da⸗ von!“

Inge proteſtierte.

„Mutter, du kannſt viel ſagen, aber den BDM. darfſt du nicht beleidigen. Und eines mußt du dir merken: Wir BDM.⸗Mädels wiſſen in der Judenfrage beſſer Beſcheid als ſo manche unſerer Eltern. Unſere Mädelſchaftsführerin hält faſt jede Woche einen kurzen Vortrag über die Juden. Erſt letzthin hat ſie geſagt: „Ein Deutſcher darf nicht zum Judenarzt gehen! Und ein deutſches Mädchen erſt recht nicht! Denn die Juden wollen ja nur das deutſche Volk verderben. So manches Mädchen, das beim Juden⸗ arzt Heilung ſuchte, fand dort Siechtum und die Schande.“ Ja, Mutter, ſo hat unſere Mädelſchaftsführerin geſagt. Und ſie hat recht!“

Die Mutter wurde unruhig.

„Ach, ihr wollt immer geſcheiter ſein als die Alten. Das, was ihr ſagt, iſt ja gar nicht wahr. Schau, Inge, ich kenne den Doktor Bernſtein ſehr gut. Er iſt ein gar tüchtiger Doktor!“ „Aber er iſt ein Jude! Und die Juden ſind unſere Todfeinde!“ antwortete Inge. Nun aber wurde die Mutter ernſtlich böſe.

„Jetzt reicht's aber, du vorlautes Kind! Du gehſt jetzt ſofort hinüber zum Doktor Bern⸗ ſtein! Und wenn du dich weigerſt, dann ſollſt du mich einmal kennenlernen!“

So ſchrie die Mutter und drohte mit der Hand. 5