Inge wollte nicht ungehorſam ſein und ging. Ging hinüber zum Judenarzt Doktor Bernſtein!

Inge ſitzt im Vorzimmer des Judenarztes. Sie muß lange warten. Sie blättert in den Zeitſchriften, die am Tiſche liegen. Aber ſie iſt viel zu unruhig, als daß ſie nur einige Sätze leſen könnte. Immer wieder muß ſie an das Geſpräch mit der Mutter denken. Und immer wieder kommen ihr die Warnungen ihrer BDM.⸗Mädelſchafts⸗ führerin in den Sinn: „Ein Deutſcher darf nicht zum Judenarzt gehen! Und ein deutſches Mädchen erſt recht nicht! So manches Mädchen, das beim Judenarzt Hei⸗ lung ſuchte, fand dort Siechtum und Schande!“

Als Inge das Wartezimmer betreten hatte, hatte ſie ein ſonderbares Erlebnis gehabt. Aus dem Sprechzimmer des Arztes klang ein Weinen. Sie hörte die Stimme eines Mädchens:

„Herr Doktor! Herr Doktor! Laſſen ſie mich in Ruhe!“

Dann hörte ſie das Hohngelächter eines Mannes. Dann war es auf einmal ganz ſtill. Atemlos hatte Inge zugehört.

„Was mag das alles zu bedeuten haben?“, fragte ſie ſich, und ihr Herz klopfte bis zum Halſe hinauf. Und wieder dachte ſie an die Warnungen ihrer BDM.⸗Führerin. — Inge wartet nun ſchon eine Stunde lang. Wieder greift ſie nach den Zeitſchriften und verſucht zu leſen. Da öffnet ſich die Türe. Inge blickt auf. Der Jude erſcheint. Ein Schrei dringt aus Inges Mund. Vor Schreck läßt ſie die Zeitung fallen. Entſetzt ſpringt ſie in die Höhe. Ihre Augen ſtarren in das Geſicht des jüdiſchen Arztes. Und dieſes Geſicht iſt das Geſicht des Teufels. Mitten in dieſem Teufelsgeſichte ſitzt eine rieſige, verbogene Naſe. Hinter den Brillengläſern funkeln zwei Verbrecheraugen. Und um die wulſtigen Lippen ſpielt ein Grinſen. Ein Grinſen, das ſagen will: „Nun hab' ich dich endlich, kleines deutſches Mädchen!“

Und dann geht der Jude auf ſie zu. Seine fleiſchigen Finger greifen nach ihr. Nun aber hat ſich Inge gefaßt. Noch ehe der Jude zupacken kann, ſchlägt ſie mit ihrer Hand in das fette Geſicht des Judenarztes. Dann ein Sprung zur Türe. Atemlos rennt Inge die Treppe hinunter. Atemlos ſtürzt ſie aus dem Judenhaus.

Weinend kommt ſie zu Hauſe an. Die Mutter erſchrickt, als ſie ihr Kind ſieht.

„Um Gottes willen, Inge! Was iſt paſſiert?“

Es dauert lange, ehe das Kind nur ein Wort ſprechen kann. Dann aber erzählt Inge ihr Erlebnis beim Judenarzt. Entſetzt hört die Mutter zu. Und als Inge ihre Erzählung beendet hat, ſenkt die Mutter beſchämt den Kopf.