Er führte mich in das Vermittlungsbüro. Dort mußte ich gleich Geld bezahlen. Dann ließ man mich drei Tage warten. Ich hungerte, damit ich wenigſtens das Übernachten bezahlen konnte. Als ich dann wieder in das Büro kam, gab mir der Jude eine Fahr⸗ karte nach — England. Dort wäre eine Stelle für mich frei, ſagte er. Eine andere habe er leider nicht gefunden. Ich mußte wieder unterſchreiben, daß ich dem Juden Geld ſchulde, und dann brachte er mich zum Zug. Zwei Tage und Nächte mußte ich reiſen. Als ich durch das ſchöne Deutſchland fuhr, vorbei an Regensburg, Nürnberg, Würz⸗ burg, Frankfurt, Mainz, Köln und Aachen, da war mir, als riefe eine Stimme mir zu: „Geh nicht fort! Bleib in Deutſchland!“ Von Oſtende nach Dover fuhr ich mit dem Dampfer. Es herrſchte Sturm, und viele Reiſenden wurden ſeekrank. Ich bekam Heimweh, bevor ich engliſchen Boden betreten hatte.

In London mußte ich wieder in ein jüdiſches Vermittlungsbüro. Und wieder mußte ich unterſchreiben, daß ich dem Juden für ſeine Bemühungen einen hohen Betrag ſchulde. Erſt dann kam ich zu meiner neuen Herrſchaft. Wieder waren es Juden! Ich bekam nur ganz wenig Lohn. Aber arbeiten mußte ich vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht. Zu eſſen gab man mir faſt gar nichts. Die Jüdin behandelte mich wie ein Stück Vieh. Ich wurde andauernd beſchimpft.

Du blöde Goja! Du dummes Vieh! Du faules Aas! Solche Schimpfworte warf mir die Jüdin immer wieder an den Kopf, auch wenn ich noch ſo fleißig war und mich noch ſo plagte. Der alte Jude und ſeine zwei Söhne ließen mir erſt recht keine Ruhe. Tag und Nacht ſtellten ſie mir nach. Einmal wollten ſie ſogar meine verſchloſſene Zimmer⸗ tür aufſprengen. — Ja, liebe Eltern, das war eine furchtbare Zeit. Vierzehn Tage lang konnte ich das alles noch ertragen. Dann aber war ich am Ende meiner Kraft. In meiner Verzweiflung wollte ich mich mit Gas vergiften. Im letzten Augenblick rettete mich ein gütiges Geſchick. Ich lernte zufällig die Frau eines deutſchen Kaufmannes kennen, die mit ihrem Manne nach London gekommen war. Und dieſe lieben Menſchen halfen mir. Sie zahlten das, was ich den Juden ſchuldig war. Sie befreiten mich aus der Sklaverei. Sie kauften mir ſogar eine Rückfahrkarte.

Und übermorgen, meine lieben Eltern, übermorgen, da bin ich wieder bei Euch! Ich kann es gar nicht ſagen, wie ich mich freue! Ich zähle die Stunden, ich zähle die Minuten und Sekunden, bis es endlich, endlich ſoweit iſt.

Ja, meine lieben, guten Eltern, ich habe viel mitmachen müſſen in dieſen Tagen. Aber ich habe auch viel gelernt. Ich habe den Juden kennengelernt, ſo wie er iſt. Der Jude