So behandelt der Jude ſein Dienſtmaͤdchen

Der alte Müller Böhm und ſeine Frau ſind in großer Aufregung und Sorge. Vor vier Wochen iſt ihr einziges Kind, die 23 jährige Roſa, von daheim fortgegangen. Sie wollte eine Stelle als Dienſtmädchen ſuchen. Ein Vermittlungsbüro in Wien hatte geſchrie⸗ ben, es wären einige Stellen frei. Roſa ſolle nur nach Wien fahren. Sie käme zu einer ſehr feinen Herrſchaft und würde einen hohen Lohn erhalten. Daraufhin hatte Roſa ihre Sachen gepackt und war mit dem nächſten Schnellzug nach Wien abgereiſt. Seit dieſer Zeit hatten die Eltern nichts mehr von ihrer Tochter gehört. Obwohl ſie verſprochen hatte, recht fleißig zu ſchreiben, war nicht einmal eine Karte von ihr gekommen.

„Es wird doch der Roſa nichts paſſiert ſein!“ ſagt Frau Böhm zu ihrem Mann.

Der alte Müller zuckt nur die Achſeln und brummt etwas in ſeinen Bart hinein. In dieſem Augenblick klopft es. Die Mutter Böhm eilt zur Türe. Der Briefbote iſt es. „Die Roſa hat geſchrieben!“ jubelt die alte Frau und ſpringt munter wie ein junges Mädchen auf ihren Mann zu. In der Hand hält ſie einen Brief. Zitternd vor Auf⸗ regung greift ſie nach einer Haarnadel und öffnet damit die Briefhülle.

„Vater, ſuch ſchnell meine Brille! Ich muß ſie wieder einmal verlegt haben!“

Der Müller lacht.

„Aber Mutter, du haſt doch die Brille auf deiner Naſe ſitzen!“ Nun lacht auch die Mül⸗ lerin. Schnell entfaltet ſie den Brief und beginnt zu leſen.

Je länger die Mutter lieſt, deſto ernſter, deſto blaſſer wird ſie. Der alte Müller merkt das. „Was iſt denn los, Mutter? Zeig doch her, was Roſa geſchrieben hat!“

Er nimmt ihr den Brief aus der Hand und lieſt ihn laut vor:

„Meine lieben, guten Eltern!

Ich hätte Euch ſchon lange ſchreiben können. Aber ich wollte Euch nicht beunruhigen. Ich wollte nicht, daß Ihr Angſt um mich habt. Aber nun muß ich Euch doch alles ſagen. Es geht nicht anders.

Als ich in Wien angekommen war, erwartete mich am Bahnhof ein Mann. Er zog ſeinen Hut und war ſehr freundlich zu mir. Aber ich merkte gleich, daß er ein Jude war.