Wie zwei Frauen von Judenrechtsanwaͤlten betrogen wurden

Die Frau Eckert und die Frau Kraus wohnen im ſelben Haus. Frau Eckert hat einen Jungen und die Frau Kraus auch. Der kleine Eckert iſt 10 Jahre alt und der kleine Kraus 9 Jahre. Aber beide heißen ſie Willi. Alſo: Willi Eckert und Willi Kraus.

Die beiden Frauen ſind ſchon ſeit ſieben Jahren Nachbarinnen. In dieſen ſieben Jahren hat es noch nicht einen einzigen Streit gegeben. Sieben Jahre lang haben Frau Eckert und Frau Kraus friedlich nebeneinander gewohnt und immer zuſammengehalten.

Aber heute früh iſt etwas Schlimmes geſchehen. Die langjährige Freundſchaft der Frauen iſt plötzlich in Trümmer gegangen. Und das kam ſo:

Die beiden Willis ſpielten Soldaten. Der Willi Eckert machte einen Sturm⸗ angriff auf die „Feſtung“, die der andere Willi verteidigte. Dabei kam der kleine Eckert in eine ſolche Begeiſterung, daß er gar nicht merkte, wie er den anderen Willi mit ſeinem „Schwert“, einem dünnen Haſelnußſtock, auf den Kopf traf. Der andere Willi aber war auch nicht faul und ſchlug dem „Feind“ mit der Hand ins Geſicht, daß er Naſenbluten bekam. Zufällig hatten die beiden Frauen von ihren Wohnungen aus zu⸗ geſehen. Aufgeregt kamen ſie in den Hof hinuntergerannt.

„Ihr Willi iſt doch ein richtiger Lausbub!“ ſchrie die Frau Kraus.

„Und Ihr Willi iſt noch viel gemeiner! Er ſchlägt meinen Jungen gleich ſo, daß er blutet!“ ſchrie die Frau Eckert.

Die beiden Buben hatten ſich ſogleich wieder verſöhnt. Deutſche Jungen ver⸗ tragen ſchon was. Die ſind nicht wehleidig. Aber dafür ſtritten nun die beiden Mütter um ſo mehr. Und ſchließlich beleidigten ſie ſich gegenſeitig. Die Frau Kraus beleidigte die Frau Eckert, und die Frau Eckert beleidigte die Frau Kraus.

„Sie ſind ein aufgeblaſenes Frauenzimmer!“ ſchrie die Frau Kraus. Und die Frau Eckert antwortete:

„Sie ſind eine dumme Gans!“

Noch am gleichen Nachmittag ging Frau Kraus zum Rechtsanwalt, ihre Nachbarin wegen Beleidigung zu verklagen. Der Rechtsanwalt hieß Silberſtein. Er war ein Jude.