Gibt es anſtändige Juden?

um den Stammtiſch im Gaſthaus „Zum ſchwarzen Adler“ ſitzen vier Männer: ein Ar⸗ beiter, ein Bauer, ein Zimmermann und ein Jude. Der Jude heißt Salomon. Er hat den anderen das Bier bezahlt. Und nun glaubt er, allein das Recht zum Reden zu haben. Unaufhörlich ſpricht er auf die andern ein. Und er redet nur vom Juden. Vom Juden, der ſo ehrlich, ſo tüchtig, ſo geſcheit wäre, und der keinem etwas zuleide tun könne. „Da ſagt mer immer von uns Juden, wir täten beſchummeln die anderen Leut'. Wir täten lügen und betrügen. Kein Wort iſt wahr daran. Wir Juden ſind die anſtändigſten Menſchen, die es gibt.“

So ſagt der Salomon.

Der Zimmermann aber ſchüttelt den Kopf. Und dann ſagt er:

„Nein, mein lieber Salomon! Das kannſt du mir nicht weismachen. Ich kenn' nämlich genug Juden, die die größten Gauner ſind, die auf der Welt herumlaufen. Denk bloß an den Viehhändler Roſenfeld! Wie der die Bauern betrügt und wie er ſie ausſchmiert, das macht ihm ſo ſchnell keiner nach. Denk an den Kaufhausjuden Löwenberg! Drei⸗ mal hat er ſchon bankerott gemacht. Und die Reingefallenen waren jedesmal lauter Nichtjuden. Denk an den Pfandleiher Iſidor, dieſen erbärmlichen Halsabſchneider! Wenn der das Unglück büßen müßte, das er ſchon angerichtet hat, dann käme er ſein ganzes Leben nicht mehr aus dem Zuchthaus heraus!“

Der Jude wird unruhig. Er ſucht nach Ausreden.

„Na ja, das ſind eben Ausnahmen. Es lautet ja auch ein Sprichwort: Keine Regel ohne Ausnahme. Und ſo ſchlimm, wie du eben erzählt haſt, Zimmermann, ſo ſchlimm haben's die drei auch nicht gemacht. Du übertreibſt!“

Nun miſcht ſich auch der Bauer in die Unterhaltung.

„Der Zimmermann hat ſchon recht“, ſagt der Bauer, „ich kenn' nämlich noch mehr ſolche Ausnahmen. Ich kenn' den Juden Schleſinger. Der kam wegen Diebſtahls vor Gericht. Ich kenn' den Juden Oppenheim. Der hat einen Meineid geſchworen. Ich kenn' den Juden Schmulewitz. Der hat Geld ins Ausland geſchmuggelt. Ich kenn' den Juden Weil. Der ſitzt wegen eines Mordes im Zuchthaus!“